Belastet SnailMail das Postsystem?
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In Nachrichten und Kommentaren taucht immer wieder dieselbe Sorge auf:
Ob es in einer Zeit, in der die Post ohnehin überlastet ist, sinnvoll ist, noch mehr Briefe zu verschicken. Ob SnailMail das System zusätzlich stresst. Und ob Menschen, die bewusst Briefe schreiben, mitverantwortlich dafür sind, dass Zustellungen seltener werden.
Diese Fragen sind verständlich – sie greifen aber am Kern des Problems vorbei.
Der größte Druck auf das Postsystem entsteht heute nicht durch Briefe, sondern durch Pakete. Der Briefverkehr in Deutschland nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Je nach Jahr liegt der Rückgang bei etwa acht bis zehn Prozent. Das ist keine Momentaufnahme, sondern ein langfristiger Trend, der bereits lange vor SnailMail, Penpals oder analogen Bewegungen begonnen hat. Rechnungen, Verträge und private Kommunikation sind zunehmend digital geworden – und genau das spiegelt sich in den Briefzahlen wider.
Gleichzeitig ist das Paketaufkommen stark gestiegen. Onlinehandel, Same-Day-Delivery, kostenlose Retouren und immer kleinere Einzelbestellungen sorgen für eine enorme zusätzliche Belastung der Logistik. Pakete sind schwerer, voluminöser, zeitkritischer und deutlich aufwendiger in der Zustellung als Briefe. Sie benötigen mehr Personal, mehr Fahrzeuge, mehr Zeit und verursachen den größten Teil des heutigen Zustelldrucks.
Wenn heute Briefe nur noch alle zwei Tage zugestellt werden, dann liegt das nicht daran, dass zu viele Menschen wieder Briefe schreiben. Sondern daran, dass sich das gesamte System auf ein stark wachsendes Paketgeschäft umstellen musste, während der Briefbereich gleichzeitig schrumpft.
Paradoxerweise verschärft der Rückgang der Briefpost das Problem sogar. Weniger Briefe bedeuten weniger Einnahmen in genau dem Bereich, der vergleichsweise effizient, planbar und personalstabil ist. Sinkende Volumina führen zu Einsparungen, Umstrukturierungen und Ausdünnung von Zustellrouten. Würden wieder mehr Briefe verschickt, gäbe es auch wieder mehr wirtschaftliche Grundlage für Personal, Touren und Budgets im Briefbereich.
SnailMail ist dabei kein Massenphänomen, das das System flutet. Sie steht für bewusste, einzelne Briefe – nicht für tägliche Großmengen. Ihr Volumen ist im Vergleich zum Paketaufkommen vernachlässigbar. Was SnailMail hingegen sichtbar macht, ist ein Bedürfnis, das nie verschwunden ist: persönliche, analoge Kommunikation.
Das Postsystem wird nicht durch Briefe überlastet. Es steht unter Druck, weil sich unser Konsumverhalten massiv verändert hat. Weil immer mehr bestellt, immer schneller geliefert und immer häufiger retourniert wird. Briefe sind nicht das Problem – sie sind der Bereich, der über Jahre hinweg still zurückgebaut wurde.
SnailMail erfindet also keinen zusätzlichen Stress. Sie erinnert an etwas, das bereits da war und wirtschaftlich wie gesellschaftlich lange getragen hat. Und vielleicht zeigt sie auch, dass Entschleunigung nicht das Gegenteil von Fortschritt sein muss, sondern manchmal genau die Antwort auf ihn ist.